Weberei Ebensee

 Die bewegte Geschichte der „Weberei Ebensee“

Webereimitarbeiterin Ebensee

Die tschechische Familie Anton Porak errichtet im Jahr 1904 bis 1910 in Ebensee eine Baumwoll-Spinnerei nebst Wohnhäusern für die Belegschaft.
1916 übernimmt die Industriellenfamilie Mautner-Markhoff aus der Steiermark die Spinnerei, es werden weiterhin Baumwollgarne produziert.
1922 folgt als Inhaber Pottendorfer für den Spinnereibetrieb, der zusätzlich auch eine Weberei errichtet, die Felixdorfer Weberei. Unter anderem werden dort Futterstoffe und Bettwäsche hergestellt. Im dreistöckigen Fabrikgebäude sind so zeitweise bis zu 600 Personen beschäftigt – die Mehrheit davon Frauen. Damit zählt die Weberei zu einem der größten und wichtigsten Arbeitgeber in Ebensee.
1962 sollte die Weberei geschlossen werden, der Betrieb wurde aber von dem deutschen Konfektionshersteller Müller-Wipperfürth übernommen, der auch eine neue Fabrikhalle errichtet. Es kommt zur weiteren Namensänderung „Spinnerei und Weberei Ebensee AG““. Müller-Wipperfürth modernisiert den Maschinenpark, rationalisiert die Produktion, schafft den Betriebsrat ab, schließt die Kinderbetreuung und die Werksküche. Die Weberei hat in dieser Zeit nur mehr 300 MitarbeiterInnen.
1963 wird die Produktion auf Schafwolle und Mischungen mit Chemiefasern umgestellt. Es werden Gewebe für Kleiderfabriken erzeugt.
1977 wird der Betrieb vom deutschen Textilkaufmann Wilhelm Piduhn übernommen. Er führt den Betrieb bis zur Insolvenz und Schließung im Jahr 1992.
Die Schließung kommt für die Beschäftigten überraschend! Die Belegschaft – zur damaligen Zeit 250 Arbeitskräfte – war noch bis Weihnachten zur Arbeit in die Fabrik gegangen. Während des Weihnachtsurlaubs erhielten die ArbeiterInnen die Verständigung, dass sie arbeitslos seien und das Werk nicht mehr betreten könnten. Dieses jähe Ende hat in der Weberei gespenstische Spuren hinterlassen. Gegenstände in Pausenräumen, Spinden und in der Produktionshalle waren so zurückgeblieben, als ob die ArbeiterInnen den Platz nur kurz verlassen hätten.

Die wichtige Rolle des Festival der Regionen

Foto von 1993 - Festival der Regionen

Die Schließung der Weberei Ebensee im Jahr 1992 geriet mitten in die Vorbereitungen des ersten Festival der Regionen. Ein Team rund um den Kulturverein Kino Ebensee nahm die Schließung und vor allem den gespenstischen Zustand des verlassenen Gebäudes zum Anlass das Projekt „Birth, School, Work, Death. Ein Multimedia-Projekt zur Entfremdung der Arbeit in der ehemaligen Spinnerei & Weberei in Ebensee“ zu verwirklichen.

Gruppenfoto zur Tagung Frauenarbeit

Festival der Regionen 2015 (c) Julia Vogt

Es war auch das Festival der Regionen, das das Frauenforum Salzkammergut 2015 dazu bewegte, die Geschichte der Ebenseer Weberei erneut aufzugreifen. Es irritierte das Team des FFS, dass der Textilbetrieb ein wichtiger Arbeitsplatz für Frauen war, aber kaum Eingang in das kollektive Gedächtnis der Region fand.
Die Gründe liegen vor allem darin, dass Frauenarbeit und alltagsgeschichtliche Aspekte von Frauenerwerbsleben lange Zeit weder in der wissenschaftlichen Forschung noch in der öffentlichen Wahrnehmung berücksichtigt wurden. Erst die Sozialgeschichte und Frauen- und Geschlechtergeschichte lieferten wichtige Impulse zur Aufarbeitung von Frauengeschichte(n).
Zur Spinnerei/Weberei in Ebensee gibt es bislang keine Aufzeichnungen, die das Arbeitsleben und den Arbeitsalltag der mehrheitlich weiblichen Beschäftigten dokumentieren.

Arbeitsplatz Weberei SujetAngeregt durch Gespräche mit ehemaligen Arbeiterinnen der Textilfabrik stellte das Frauenforum Salzkammergut 2015 fest, dass wenn man sich nicht jetzt diesem Thema annimmt, ein Stück Zeitgeschichte verloren gehen würde.
Aus diesem Grund entstand die Idee zur Aufarbeitung der Geschichte der Arbeitswelten von Frauen. Als Kooperationspartnerin konnte dazu die Universität Salzburg gewonnen werden. Prof.in Dr.in Sylvia Hahn und Dr.in Verena Lorber stehen nicht nur mit ihrer Expertise zur Verfügungen, sondern sind auch aktiv in die Geschichtsaufarbeitung eingebunden.
Gemeinsam mit dem Frauenforum werden lebensgeschichtliche Interviews und andere Quellen, wie Fotos, Dokumente oder Egoquellen gesammelt, die die Arbeitswelten jener Frauen erfassen, die zum Teil seit drei Generationen in der Fabrik beschäftigt waren. Durch die Verbindung der unterschiedlichen Quellengattungen kann das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden und ein ganzheitlicher Blick auf die Beschäftigung von Frauen in der Textilindustrie erfolgen. Zahlreiche ehemalige Mitarbeiterinnen der Fabrik haben sich bereit erklärt, in Form von biografischen Interviews ihre Arbeitserfahrungen mit uns zu teilen. Diese Quellen werden durch Rechercheergebnisse im oberösterreichischen Landesarchiv, dem Heimatmuseum Ebensee, dem zeitgeschichtlichen Museum Ebensee sowie der Gemeinde Ebensee ergänzt. Damit soll ein Beitrag dazu geleistet werden, diese Lücke in der Ortsgeschichte der Marktgemeinde Ebensee zu schließen.

Geplante Aktivitäten zur Aufarbeitung der Weberei-Geschichte

Die Geschichte der Textilverarbeitung in Österreich soll anhand des Beispiels Ebenseer Spinner/Weberei und des Sichtbarmachens des Arbeitsalltags und des Lebens der Frauen in diesem Bereich und im besonderem in Ebensee aufgearbeitet werden. Um einerseits das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und anderseits das historische Erbe in das Bewusstsein der Menschen und der Region zu bringen, werden folgenden Aktivitäten durchgeführt:

  • Forschungsseminar der Universität Salzburg
  • Film: Oral History. Erzählungen von Hedwig Pucher, Johanna Engl und Franziska Feichtinger.
  • Kick-off Veranstaltung in Ebensee
  • Ausstellungen in Ebensee und Audiodokumentation mit Radiosendung.

Forschungsseminar

Foto vom Besuch der StudentInnen in der Weberei

Besuch der Weberei am 22.11.2017

Im Rahmen der Kooperation mit der Universität Salzburg wird ein Forschungsseminar konzipiert, um gemeinsam mit Studierenden das Thema „Frauenarbeit“ zu erarbeitet. Unter dem Titel „Arbeit und Leben in Ebensee. Regionalgeschichte im globalen Kontext“, findet das Seminar im WS 2017/18 an der Universität Salzburg statt. Neben der Aufarbeitung der wirtschaftlichen Entwicklungsetappen der Textilindustrie in Österreich und der Salzkammergutregion werden im Mittelpunkt des Interesses vor allem auch die unmittelbar davon betroffenen Arbeitskräfte stehen. Anhand von unterschiedlichen qualitativen und quantitativen Quellenmaterialien sowie Oral History Interviews mit ehemaligen Textilarbeiterinnen sollen die Arbeits- und Lebenswelt und deren Veränderungen im Laufe des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet und als Ausstellungsprojekt, das in Ebensee gemeinsam mit dem Frauenforum Salzkammergut umgesetzt wird, aufbereitet werden. Im Rahmen des Forschungsseminars ist eine Exkursion nach Ebensee geplant, um sich vor Ort mit der Textilgeschichte und den unterschiedlichen Quellen auseinanderzusetzen.

Oral History – Film

Marlene Krickl, Christine Haiberger, Maria Magdalena Lamplmayr (Kamera) und Katharina Ziegler (Ton)

Das Filmteam

Im Rahmen des Projektes der von Mag. Karl Rothauer durchgeführten Lehrveranstaltung „Video History“ an der Universität Salzburg, entstand der 50-minütige Film „Die Weberei und Spinnerei Ebensee“. Eine Dokumentation von Marlene Krickl, Katharina Ziegler, Maria Magdalena Lamplmayr (Kamera) und Christine Haiberger (Ton).

Kick-off-Veranstaltung

Als Einstieg ist eine Kick-off Veranstaltung geplant (22. November 2017), bei der die Beschäftigung von Frauen in der Textilindustrie im Mittelpunkt steht. Im Rahmen dieser Veranstaltung haben die TeilnehmerInnen des Forschungsseminars und alle Interessierten die Möglichkeit, mit den Zeitzeuginnen ins Gespräch zu kommen, um mehr über die Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Textilfabrik Ebensee zu erfahren.

Programm: Im Heimatmuseum Ebensee wird der Dokumentarfilm von Marlene Krickl gezeigt. Für den Film wurden drei Arbeiterinnen interviewt. Im Anschluss daran findet ein wissenschaftlicher Vortrag der Expertin Prof.in Dr.in Sylvia Hahn und ihrem Kollegen Prof. Dr. Sandgruber  statt, der die Textilindustrie und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Region, die Arbeiterinnen und ihre Familien beleuchtet.

Aber wir wollen diesen Abend für alle Sinne unvergesslich machen und deshalb wird das Thema auch künstlerisch aufgearbeitet von Gertraud Steinkogler-Wurzinger, die uns mit eigens komponierten Liedern für die Frauen einen musikalischen Ohrenschmaus bieten wird. Ziel der Veranstaltung ist es, in der Region auf das Thema aufmerksam zu machen und einen ersten Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Ausstellung

Im Rahmen des Projektes wird eine Ausstellung konzipiert, um das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Da die Ausstellung als Wanderausstellung konzipiert ist, werden die unterschiedlichen Ausstellungsthemen in Form von Roll-ups präsentiert. Dies ermöglicht einen flexiblen Einsatz, einen einfachen Transport und eine platzsparende Möglichkeit, die Ausstellung zu lagern und an verschiedenen Orten zu zeigen.

Zur Wanderausstellung wird auch ein Begleitheft gestaltet, um die erarbeiteten Forschungsergebnisse und die durchgeführte Arbeit zusammen zu fassen.

Damit kann ein wichtiger Schritt dazu geleistet werden, auf das Thema aufmerksam zu machen und die Frauenarbeit in der Textilindustrie in das Bewusstsein der Region einzuschreiben. Die Ausstellung spricht für sich kann aber auch durch Führungen begleitet werden.

Geplante Ausstellungsorte:

  • Ausstellung zur Eröffnung des neuen Ebenseer Schulzentrums, in der Modeschule (Herbst 2018).
  • Zeitgeschichte Museum Ebensee

Audidokumentation /Radiosendung

Logo der Readioredaktion Radio mit LeichtigkeitDie gefundenen Materialien werden nicht nur in Form der Ausstellung festgehalten, sondern auch in einer Audidokumentation aufgearbeitet. Eine speziell produzierte Radiosendung, die sowohl die Arbeiterinnen als auch ExpertInnen zum Thema Textilindustrie und Frauenarbeit zu Wort kommen lässt, wird über das Freie Radio Salzkammergut ausgestrahlt. Die Sendung kann orts- und zeitsouverän auf der Homepage des Frauenforum Salzkammerguts und dem virtuellen cba-Readioarchiv gestreamt und heruntergeladen werden.

Ziele und Nachhaltige Wirkung

Ziel des Projektes ist es das kulturelle Erbe, das Ebensee als Arbeitergemeinde hat, zu dokumentieren und für die nachfolgende Generation sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Es liegt uns daran, die Rolle der Frau in der Arbeitswelt anhand der Textilarbeit in den Mittelpunkt zu stellen und die Wertschöpfung der Frauen sichtbar zu machen.

Die „Weberei Ebensee“ hat das Leben in der Marktgemeinde bis 1992 geprägt. Diesen ortshistorischen Schatz zu dokumentieren, das haben wir uns daher vorgenommen. Um das Projekt finanziell zu stemmen, haben wir erstmals den EU-Regionalförderungstopf angezapft und in der Projektauswahlsitzung, am 9. November 2017, wurde unser Antrag genehmigt.
Wir freuen uns ein Stück Ebenseer Geschichte aufzeichnen und bewahren zu dürfen und bedanken uns bei der Gemeinde Ebensee, dem Bund, dem Land Oö. und der Europäischen Union, die dieses Projekt finanziell ermöglichen.

gefördert von der EU