Premiere 2010

Logo kupf Innovationstopf 2009Im Rahmen der Ausschreibung kupf-Innovationstopf 2009 wurde das Projekt des Frauenforums Salzkammergut (FFS) zur Gründung einer ersten Frauen-Glöcklerpasse in Ebensee ausgezeichnet. Das Preisgeld stellt die Landeskulturdirektion OÖ zur Verfügung, die organisatorische Abwicklung liegt bei der Kulturplattform OÖ (kupf).

48 Projekte wurden bis zum Stichtag, dem 9. Februar 2009, eingereicht. 11 Projekte wurden am 27. März im Rahmen einer öffentlichen Jurysitzung in Linz prämiert. Die Jury des Wettbewerbs zeigte sich von der Glöcklerpasse des FFS begeistert: „Super Projekt,  total passend zur Intention des Innovationstopfes; Brauchtum wird ernst genommen und trotzdem verändert.“
Chronik der Ereignisse

Frauen bei der Arbeit an den Kappen

6. Jänner 2009: Ideenwerkstatt für Wettbewerbsbeitrag
6. Februar 2009: Einreichung des Projektes Erste Frauen-Glöcklerpasse in Ebensee
27. März 2009: Prämierung
10. August 2009: Eröffnung der Glöcklerinnen-Werkstatt
30. Dezember 2009: Letzte Arbeiten; Fertigstellung von neun Kappen
5. Jänner 2010: Premieren-Lauf der „Ebenseer Glöcklerinnen“

Fotos vom Glöcklerlauf 2010:

Die Nachricht, dass Frauen am traditionellen Ebenseer Glöcklerlauf teilnehmen wollen, hat unseren Ort in einen Ausnahmezustand versetzt. Es kam im Laufe der Zeit zu vielen Unwahrheiten, Unterstellungen und Gerüchten … lesen Sie hier unsere Stellungnahme:

Zur Kritik bezüglich des Geldes, das das FFS für die Finanzierung der Passe erhalten hat: Das FFS versucht seit Monaten der Öffentlichkeit klarzumachen, dass es sich bei den € 10.811,- um ein „Preisgeld“ für ein Projekt handelt, das im Rahmen der Ausschreibung des kupf-Innovationstopfes 2009 eingereicht und ausgezeichnet wurde. Thema der Ausschreibung war „Abseits“; der Glöcklerlauf in Ebensee war für uns ein Paradebeispiel dafür, wo und wie Frauen im Abseits stehen, denn als einer der wichtigsten Bräuche in Ebensee, haben Frauen dort schon immer mitgewirkt (hinter den Kulissen, aber auch als Läuferinnen), ihre Mitarbeit wurde allerdings im Rahmen des Mythos eines „reinen Männerbrauches“ unsichtbar gemacht. Mit der Gründung der Frauen-Passe haben wir die Frauen aus dem Abseits geholt und sichtbar werden lassen! 
Übrigens hat uns kein Salzburger Fernsehteam einen Geldbetrag zukommen lassen. Wir fragen uns ernsthaft, wer ein Interesse daran hat, solche Lügen zu verbreiten.

  1. Im Rahmen der Bewerbung formulierten wir im Vorfeld in derKurzbeschreibung(!) unserer Einreichung, die – wie das Wort schon sagt – kurz und prägnant formuliert sein muss, dass uns klar sei, dass das Projekt einige EbenseerInnen „ins Brauchtumsmark treffen werde“. Aus dieser Aussage herauszulesen, dass wir „nur provozieren wollten“ ist falsch.Unsere Motivation war und ist es, Frauen, die dies möchten, die Teilnahme am Glöcklerlauf zu ermöglichen und zwar als sichtbarer Teil dieser wunderschönen Tradition, denn gelebtes Brauchtum unterstreicht die Verbundenheit aller EbenseerInnen mit ihrer Geschichte und Kultur.
    Dass dieses Sichtbarwerden in der „vermeintlichen Männerbastion“ zu Aufregungen führt, konnten wir uns im Vorfeld an fünf Fingern abzählen, aber – und hier sollten alle, die uns als Provokateurinnen sehen wollen, genau lesen – wir haben das Projekt nicht wegen dieses zu erwartenden Tumultes, sondern trotz desselben gemacht. Unsere Läuferinnen sind keine Provokateurinnen, sondern mutige Frauen, die sich trotz heftigster und menschenverachtender Äußerungen nicht von ihrem Weg haben abbringen lassen.
  2. Immer wieder wurde uns unterstellt, wir hätten die Kappen von anderen fertigen lassen. Das ist falsch! Richtig ist, dass unsere Passe seit August 2009 in den Räumen des FFS ca. 2000 Stunden mit der Arbeit an den Kappen beschäftigt war. Auf diese Weise ist eine wunderbare Gemeinschaft entstanden, die uns viel Kraft gegeben hat.
  3. Uns wird vorgeworfen, uns mit der Teilnahme in den Vordergrund drängen zu wollen. Nehmen Frauen also öffentlichen Raum für sich in Anspruch, wird dies sofort als eitle Selbstdarstellung gedeutet. Frauen sollen im Verborgenen arbeiten und sich still und leise in Bescheidenheit und Zurückhaltung üben.
    Was das Medieninteresse betrifft, liegt eine Verkehrung des Verursacherprinzips vor, denn dieses ist nicht aufgrund unserer Teilnahme entstanden, sondern aufgrund der Reaktionen anderer Glöcklerpassen auf unser Mitmachen.
  4. Es geht um Macht und darum, dass Männer meinen auch heute noch bestimmen zu können, was Frauen dürfen. Hat in den letzten 150 Jahren jemals eine neue Passe in Ebensee bei den anderen um Erlaubnis fragen müssen, ob sie am Glöcklerlauf teilnehmen darf? Hat sich jemals eine Passe in Ebensee dafür rechtfertigen müssen ‚wo sie das Geld her habe Kappen zu bauen‘? Ist es nicht ein Anrecht aller Ebenseerinnen und Ebenseer diesen Brauch mit Leben zu füllen und mit Freude zu zelebrieren? Wo ist also die Provokation? Dass unsere Kappen in Stil und Art den anderen gleichwertig gefertigt wurden? Dass unserer Passe weiß gekleidet war und die Läuferinnen Glocken trugen? Es gibt nur eine Erklärung: hier geht es nicht um den Brauch, es geht um Macht, darum, wer „das Sagen“ hat, wer bestimmen und ausgrenzen darf und jetzt sind wir mittendrin in der eigentlichen Debatte. Der Korridor erlaubten Verhaltens für Frauen ist enger gesteckt als für Männer und wagen sich Frauen darüber hinaus, so muss ihr „provozierendes Verhalten“ in massiver und frauenverachtender Weise in Schranken gewiesen werden.
  5. Apropos Frauenverachtung, diese hat sich sehr deutlich gezeigt, nicht zuletzt in den von vor sexualpathologisch gefärbtem Frauenhass sprühenden Postings im Internet. Auch die Zurufe aus dem Publikum beim Lauf selbst (wie: Geht’s ham kochen) und das Lächerlichmachen der Frauen (Die können die schweren  Kappen sowieso nicht tragen) zeigen die frauenfeindliche Dimension. Und bevor noch das Geldargument hervorgezaubert wurde – was auch viel mit dem Machtdiskurs zu tun hat – , hatten die ersten massiven Angriffe im Frühjahr 2009 nur die unerwünschte Frauenbeteiligung zum Thema.
  6. Zum Vorwurf, das Frauenforum solle sich eher um Kinderbetreuung kümmern:  Erstens wird mit diesem Argument eine Scheinalternative aufgebaut und so getan, als ob Menschen sich nicht gleichzeitig mit mehreren Dingen beschäftigen könnten und auch andere Passen müssen sich nicht fragen lassen, ob es für sie nicht sinnvollere Betätigungsfelder gebe. Zweitens zeugt dieser Vorwurf von großem Unwissen, denn das Frauenforum hat vor mehr als zehn Jahren als erste Organisation in Ebensee einen Hort eingerichtet und  bis zur Errichtung der Krabbelstube eine Kleinkindbetreuung organisiert. Darüber hinaus bieten wir neben diesen familienorientierten Projekten seit mehr als 13 Jahren ein vielfältiges Jahresprogramm (Vorträge, Tagungen, Kultur- und Gesundheitsangebote etc.), nutzen Aktionstage wie den Int. Frauentag, den Equal Pay Day oder den Int. Tag gegen Gewalt an Frauen, um auf die Rechte von Frauen hinzuweisen, produzieren seit 2007 im Freien Radio Salzkammergut zwei Radiosendungen im Monat und sind Frauenanlaufstelle (Beratung, Information, Auskunft).

An dieser Stelle möchten wir uns bei den zahlreichen UnterstützerInnen bedanken, die uns vor, während und nach dem Glöcklerlauf viel Kraft gegeben haben!
Vorstand und Team des Frauenforum Salzkammergut