’07 Landesausstellung 2008

Landesausstellung 2008 – genderblind?

 
Plakat zur Landesausstellung, 1 Kleiderständer mit Hosenträgern und 1 Kleiderständer mit Rot Weiß Rot Shärpe.
 

Das rein männlich besetzte Team der Landesausstellung 2008 in Ebensee machte das Frauenforum hellhörig!

 

Dieser Leserinnenbrief folgte:

„Die Nichtbeteiligung von Frauen in Entscheidungsprozessen birgt immer die Gefahr, dass geschlechtsspezifische Fragen gar nicht erst gestellt werden. Obwohl sich das Frauenforum Salzkammergut seit ihrem Bestehen immer wieder um eine Schärfung des Bewusstseins im oben genannten Sinn versucht bleibt es in Entscheidungsgremien offensichtlich ein sehr theoretischer Diskurs. Wie sonst könnte es sein, dass zur Vorbereitung der Landesausstellung ein reines Männerteam für Ebensee eingesetzt wurde. Damit ist die Gefahr gegeben, dass der Blick auf die Geschichte und möglicherweise auf die Gegenwart ein eindimensionaler wird und Frauengeschichte weiterhin zum großen Teil als blinde Flecken in der Region bestehen bleiben. Aber, da Frauen zur Geschichte und zur Kultur im selben Maße beigetragen haben wie Männer und da die Unsichtbarkeit der Frauen auch der männlichen Geschichtsschreibung „zu verdanken“ ist, braucht es die Beteiligung der Frauen und das „frauensichtbarmachen“ auf vielen Ebenen. Zu hoffen bleibt, dass bei den weiteren vier wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen zur Vorbereitung der Landesausstellung der Blick umso geschärfter ist und es ihnen ein Anliegen ist, die „Genderblindheit“ aufzulösen.

Gertrude Piontek
Obfrau des Frauenforums Salzkammergut

 

Am 26. Juni verfassten wir einen Brief an das Team der LA 2008 in Ebensee:

 

Landesausstellung 2008 – Geschlechterperspektive

Sehr geehrtes Team der Landesausstellung 2008 in Ebensee,

das Frauenforum Salzkammergut vertritt seit mehr als 11 Jahren die Anliegen von Frauen und Mädchen in der Region. Unsere lange Erfahrung zeigt uns leider immer wieder, dass Frauenthemen nur dort wahrgenommen werden, wo Frauen aufzeigen – ansprechen – Initiative zeigen – Themen auf die Tagesordnung bringen.

Und deswegen wenden wir uns heute mit einem dringenden Appell an Sie: wagen Sie bitte bei der inhaltlichen Feinarbeit zur LA 2008 den Blick auf die Geschlechterverhältnisse! Achten Sie bitte darauf, auch die Rolle der Frauen und ihre spezifischen Lebenszusammenhänge herauszuarbeiten.
Walter Rieder, spricht in der Salzkammergut Rundschau vom 13. Juni, selbst die einmalige Chance der LA 2008 an, nämlich dass Migration bisher immer nur in Teilbereichen dargestellt werden konnte (vgl. SR Nr. 24, 13. Juni 2007, „Inhaltliche Feinarbeiten“, Seite 36). Nutzen sie also die einmalige Chance die Geschichte der Migration im Salzkammergut wirklich umfassend darzustellen.
Es wäre doch schade, wenn im Rahmen von Heimat – Himmel & Hölle, wieder ein wichtiger Aspekt ausgeblendet bliebe und es erneut die Frauen wären, die vergessen würden.

Wie Sie bestimmt wissen hat sich Österreich politisch und rechtlich verpflichtet, die Strategie Gender Mainstreaming umzusetzen.*

Auch der Oö. Landtag hat die Ergänzung des Leitbilds für die Erarbeitung von Normen um den Gesichtspunkt des „Gender Mainstreaming“ beschlossen**. Und da die GM Strategie ausdrücklich als Top-down-Prinzip formuliert ist, ist es umso dringlicher, dass gerade im Rahmen von Landesausstellungen, dieses Prinzip ernst genommen wird und der Blick auf die Geschlechterverhältnisse zur selbstverständlichen Regel wird.

Bedenken Sie bitte, es gibt keine geschlechtsneutrale Perspektive! Der scheinbar „allgemeine“ Blick ist leider allzu oft ein sehr ‚männlicher’. Und gerade in der Geschichtsschreibung wurde der Beitrag von Frauen zum Großteil nicht aufgenommen, er wurde trivialisiert oder marginalisiert oder schlicht und einfach „vergessen“. So versteht es sich von selbst, dass Männer in den schriftlichen und sonstigen Quellen dominieren.
Doch der Blick auf die allgemeine Geschichte hat sich in den 1980er Jahren verändert. Die Ergebnisse der Perspektivenwechsel in der Geschichtswissenschaft, also vom ausschließlichen „Männerblick“ zum „Frauenblick“, bis seit den 1990er Jahren, hin zum „Blick der Geschlechterverhältnisse“, sind jedoch bis heute nur sehr lückenhaft in der österreichischen Orts- und Regionalgeschichtsschreibungangekommen. Der dort gewählte Blick stellt immer noch „Leistungen“ in den Vordergrund und zwar Leistungen von Männern. Frauen haben zwar stets mitgelebt, mitgelitten, mitgearbeitet und mitgeleistet, aber ihre Lebensverhältnisse blieben und bleiben leider weitgehend ausgeblendet.

Daher nochmals unser Appell: berücksichtigen Sie bitte bei der Erarbeitung, Ausarbeitung und Durchführung der LA 2008 Heimat – Himmel & Hölle die Geschlechterverhältnisse.

In diesem Sinne freuen wir uns schon auf eine gendergerechte Landesausstellung in Ebensee.

Mit freundlichem Gruß aus dem Frauenforum Salzkammergut

(Fußnoten)—————————————

 

* Diese Verpflichtung basiert politisch auf verschiedenen internationalen und europäischen Aktionsplänen und besteht rechtlich durch den Amsterdamer Vertrag. Die nationalen Grundlagen der Gender Mainstreaming Umsetzung sind der Artikel 7 des Bundesverfassungsgesetzes sowie mittlerweile drei Ministerratsbeschlüsse.

** Beschluss 1302/2001, vom Juli 2001

 

Im August dann ein Artikel in der kupf-Zeitung:

 

WO SIND DIE FRAUEN?

Die Marktgemeinde Ebensee feiert heuer das Jubliläum 400 Jahre Saline. Das Frauenforum Salzkammergut stellt zu den Feierlichkeiten mit einem vom Kupf Innovationstopf geförderten Projekt die Frage: „Wo sind die Frauen?“

 

Drachenwand

Im Rahmen des Projektes wurde Ende Juni ein 17m x 7m großes Transparent mit 400 Porträts von Ebenseerinnen am Rathaus angebracht. Seither sorgt die Aktion für rege Diskussionen und so manch ein Ebenseer erklärt das Transparent zur Drachenwand.

 

Einer der Leitsätze des Frauenforums lautet „Frauen sichtbar machen“. Dies ist wunderbar gelungen! Über die Zuschreibung „Drachenwand“ schmunzelt Iris Kästel, Geschäftsführerin vom Frauenforum Salzkammergut: „Wir waren hochgradig erfreut über die Zahl der interessierten Frauen. Es war eine ganz außergewöhnliche Stimmung bei den Fotoshootings. Die Frauen hatten das Gefühl, dass hier etwas wichtiges passiert im Ort. Hier geschieht Frauengeschichte pur.“

 

Zuvor hatte in der „Spinnstube“ des Frauenforums die Historikerin Dr.in Brigitte Rath den Vortrag „HERstory“ zur Unsichtbarkeit der Frauen in der Geschichtsschreibung gehalten. Sie zeigte auf, dass Frauen und ihre Leistungen in den Geschichtsbüchern allzu oft in den Hintergrund gerückt oder schlichtweg „vergessen“ werden. Frauen haben in Ebensee z. B. im Tourismus und in der Saline gearbeitet, werden jedoch von den Chronisten nicht dokumentiert werden.

 

Himmel & Hölle

Ebenfalls im Juni wurde das Frauenforum auf Zeitungsartikel aufmerksam: Die oö Landesausstellung 2008 findet dezentral in zwölf Gemeinden statt. Unter dem Titel „Heimat – Himmel & Hölle“ beschäftigt sich der Ebenseer Beitrag mit Migrationsbewegungen im Salzkammergut. In der Darstellung der Aspekte wurde mit keinem Wort die Rolle von Frauen erwähnt. Migrationsgeschichte von Frauen sowie ihr Beitrag zum Aufbau von Infrastruktur oder zur Organisation des Alltags fielen unter den Tisch. Iris Kästel: „Der Blick auf die Geschlechterperspektive hat nichts mit dem eigenen Geschlecht zu tun, sondern damit, wie ich auf die Dinge schaue, wie ich sie formuliere und der Öffentlichkeit preisgebe.“

 

In einem Brief an das Team der Landesausstellung Ebensee sowie in einem Leserinnenbrief appellierte das Frauenforum, den Blick auf die Geschlechterverhältnisse zu wagen und die Rolle von Frauen sowie ihre spezifischen Lebenszusammenhänge herauszuarbeiten. Zudem wurde das männerdominierte Team kritisiert. Auf der offiziellen Homepage der Landesausstellung scheinen sieben Männer in leitender Funktion auf. Dass es drei wissenschaftliche Mitarbeiterinnen gibt, geht daraus nicht hervor. Weiters sind keine MigrantInnen im Team.

 

Per Leserbrief folgte vom wissenschaftlichen Leiter, Dr. Walter Rieder,  eine Stellungnahme: „(…) Für die Aufnahme in das Team war Kompetenz ausschließliches Kriterium. (…) Ich hätte sicher gerne Genderparität gehabt (…),  dazu sind aber jeweils kompetente Frauen die Voraussetzung.“ (Salzkammergut Rundschau, 4. Juli 2007, S. 32)

 

Derlei Aussagen versuchen allzu oft einen geringen Frauenanteil zu rechtfertigen. Umgehend rief Iris Kästel via einem einzigen E-Mail-Call zur Nennung von kompetenten Frauen auf. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie eine Liste mit 13 Frauen – davon 9 Migrantinnen – zusammengestellt. Deren Kompetenznachweise belegen jahrelange Arbeit in den Bereichen Migration und Migrationsforschung. Iris Kästel: „Es gibt inzwischen genug Expertinnendatenbanken und somit keine Ausrede mehr. Man muss nur suchen und die richtigen Stellen fragen.“ Auf die Liste und einen weiteren Brief gibt es bislang keine Rückmeldung.

 

Dirndlkleid & Hosenträger

Das Land OÖ hat sich mit einem Landtagsbeschluss im Jahr 2001 zu Gender Mainstreaming verpflichtet. Laut Auskunft der Kulturdirektion ist Gender Mainstreaming für die Landesausstellungen tatsächlich vorgeschrieben. Wie der geschilderte Fall beweist, wird dieses Top-Down-Konzept zur Gleichstellung nach wie vor nicht umgesetzt.

Auch nicht auf dem Plakatsujet zur Landesausstellung Salzkammergut 2008. Mit Lederhosenträger und Staatsschärpe sowie Orden verzierte Schneiderpuppen weisen auf männliche Träger hin. Frauen haben anscheinend auch keine „Dirndlkleidlkompetenz“.

Mit einem auf Geschichte und Migration differenzierten Blick, der die Lebenszusammenhänge von Frauen berücksichtigen würde, wäre eine vielschichtige, realitätsnahe Perspektive möglich.

Ausstellungs- und Katalogtexte in geschlechtergerechter Sprache verfasst, würden Frauen sichtbar machen. Eine Darstellung, in der sich Frauen wiederfinden, würdigt das Leben der Migrantinnen und Frauen generell.

Das Frauenforum Salzkammergut hat weiterhin frauenpolitischen Handlungsbedarf. Geschäftsführerin Iris Kästel: „Das Frauenforum ist eine kräftige Stimme in der Region und mit rein rhetorischen Modernisierungen ganz gewiss nicht zum Schweigen zu bringen! Wir wollen Taten sehen!“

 

Vielen Dank Iris Kästel für das Gespräch!

Katja Haller

Geschäftsführung FIFTITU%

Vernetzungsstelle für Frauen