Frauenforum Salzkammergut



Wir tun es!



Frauenforum als Treffpunkt für die verschiedensten Zielgruppen

Unter dem Motto "Jenen Raum geben, welche Raum brauchen" werden die Räumlichkeiten der Frauenanlaufstelle von Frauen und Mädchen aus der Region genutzt.
Großen Wert legen wir darauf, dass Frauen / Mädchen selbst die Initiative ergreifen, indem sie ihre Anliegen selbst in die Hand nehmen und aktiv in Entscheidungsprozesse eingreifen. Die Mitarbeiterinnen des FFS leisten dabei Unterstützungsarbeit und schaffen die notwendigen Rahmenbedingungen.
Das FFS versteht sich in diesem Sinne als Ort der Kommunikation.


Frauenforum in Beratungsfunktion

Außerhalb der Ballungszentren muss fachlich-kompetente Beratung und Hilfestellung für Frauen / Mädchen angeboten werden.
Wir nehmen diesen Bedarf wahr und bieten durch unser qualifiziertes Beratungsteam (2 Juristinnen, 3 Psychologinnen, 3 Finanzfachfrauen) in Ebensee Beratungen als Serviceleistungen an.


Frauenforum als Bildungsfunktion

Außerhalb der Ballungszentren muss fachlich-kompetente Beratung und Hilfestellung Information, Meinungsbildung und dezidierte fachliche Weiterbildung nimmt das FFS durch ein umfassendes Veranstaltungsangebot wahr. Verschiedene Themenschwerpunkte werden unter frauenspezifischen Aspekten in Angriff genommen.
Wir arbeiten kontinuierlich neue, zukunftsweisende Projekte aus und sind um die ständige Weiterentwicklung des Vereins bemüht.

 

Frauenforum als zukunftsorientierter Verein

Wir arbeiten kontinuierlich neue, zukunftsweisende Projekte aus und sind um die ständige Weiterentwicklung des Vereins bemüht.




Spinnstube contra Stammtisch




Das „Frauenforum Salzkammergut“ im Gespräch (12. Oktober 2007)

 

Von Elisabeth Vera Rathenböck

 

Mit der Verankerung des „Gendermainstreaming“ im ganz normalen Sprachgebrauch, scheint sich die Welt verändert zu haben. Zumindest gibt sie das vor. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus und braucht handfeste Ideen und Projekte, denn „Gleichberechtigung ist noch nicht gesellschaftliche Realität“. Trude Piontek (Obfrau) und Iris Kästel (Geschäftsführerin) vom „Frauenforum Salzkammergut“ im Gespräch.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Im Jahr 1988 fand die erste Sitzung des „Ebenseer Frauenforums“ statt. Was gab den Anstoß zur Gründung eines solchen Forums?

 

Trude Piontek: Es gab in Ebensee zu diesem Zeitpunkt mehrere Frauengruppen in politischen Parteien und kirchlichen Organisationen aber auch eine unabhängige Frauengruppe. Die Idee war, diese Gruppen zu vernetzen und gemeinsam Veranstaltungen durchzuführen.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Unter den ersten Veranstaltungen waren „Küchengespräche mit Rebellinnen“. Man erinnerte sich an Frauen im Salzkammergut, die aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet haben. Ist der widerständische Mut dieser Frauengeneration heute noch identitätsbildend für Frauen im Salzkammergut?

 

Trude Piontek: Wer in der Geschichtsschreibung von Ebensee nachliest, wird bemerken, dass dieser Widerstandsgeist bei den Ebenseerinnen und Ebenseern besonders stark ausgeprägt war. Wir haben gerade heuer mit unserem Projekt „frauensichtbarmachen“ darauf hingewiesen, dass auch die Frauen immer wieder Widerstand geleistet haben. Natürlich sind der Mut und das Engagement unserer Vorfahrinnen somit auch identitätsstiftend und wir sehen es als unsere Aufgabe, ihre Lebensgeschichten bekannt zu machen.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Wie hat sich das „Ebenseer Frauenforum“ in das „Frauenforum Salzkammergut“ verwandelt?

 

Trude Piontek: Das „Ebenseer Frauenforum“ rief bei den Frauen umliegender Gemeinden großes Interesse hervor. Wir befassten uns in einem Studienzirkel mit der Gründung eines Frauencafés und setzten den logischen Schritt: Wir gründeten einen Verein, um Zugang zu öffentlichen Mitteln zu bekommen. Aus dem Frauencafé wurde aber mehr, nämlich eine Anlaufstelle für Frauen mit den verschiedensten Anliegen. Die damals beteiligten Frauen aus den anderen Orten – vor allem aus Bad Ischl und Gmunden – meinten, dass solche „Frauenberatungsstellen“ auch in ihren Orten installiert werden müssten. Bad Ischl meinte sogar, dass wir die Beratungsstelle als Trägerorganisation übernehmen sollten, aber wir sahen uns damals nicht in der Lage, die Errichtung von zwei Institutionen an verschiedenen Orten durchzuführen.

Heute unterstreichen wir mit vielen Vernetzungsaktivitäten und dem Namen „Frauenforum Salzkammergut“ unsere Zuständigkeit für die gesamte Region.

 

Iris Kästel: Unsere über 120 Mitfrauen sind im gesamten Salzkammergut verstreut. Man könnte sagen von Bad Goisern bis nach Gmunden, aber auch in Linz, Salzburg oder Wien haben wir Mitfrauen. Unser Programm senden wir allerdings regelmäßig an über 1.500 Frauen aus.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Die Gründungsjahre waren von anderen gesellschaftlichen Dynamiken geprägt als die Gegenwart. Was brauchen die Frauen im Salzkammergut heute?

 

Trude Piontek: Wir sind in ständigem Wandel oder – besser gesagt – in ständiger Entwicklung, ohne aber unsere Grundsätze aufzugeben. Als „Frauenforum“ sind wir ein Treffpunkt für Frauen, um damit unser aller Empowerment zu stärken. Wir bieten Beratungen und Bildungsmöglichkeiten speziell für Frauen an, wir betreiben Bewusstseinsbildung. Wir haben die Trägerschaft für einen Kinderhort übernommen, weil die Frauen diese Hilfe dringend brauchten, da es sie vor Ort nicht gab. Ebenso wie wir die Betreuungslücke für die unter Dreijährigen in Ebensee geschlossen haben. Und wir wollen noch mehr als das jetzige Dreitagesangebot, das leider aufgrund unserer Räumlichkeiten nicht anders anzubieten ist, wir wollen die wirklich bedarfsgerechte Krabbelstube in Ebensee verwirklichen!

 

Iris Kästel: Wir tragen frauenpolitische Themen über regelmäßige Pressearbeit, aber auch durch am Bewusstsein rüttelnde Aktionen konsequent in die Öffentlichkeit. Wir bieten Themen wie „Sexismus in der Werbung“, „geschlechtergerechte Sprache“ oder „unbezahlte Familienarbeit“ ein Forum und erreichen über unsere regelmäßige Berichterstattung Frauen im gesamten Salzkammergut!

Eine unserer Aktionen war beispielsweise im Rahmen der Aktion „16 Tage gegen Gewalt“. Wir trommelten am 25. November zum Widerstand. Ein Trommlerinnen-Ensemble unterstützte unsere Aktion, bei der wir nicht nur sprichwörtlich sondern leibhaftig die Kastanien aus dem Feuer holten, diese verteilten und dabei darüber aufklärten, dass in Oberösterreich jede vierte Frau körperliche, seelische oder/und sexuelle Gewalt erlebt. Mit solchen Aktionen zeigen wir den Frauen auch, dass sie in uns starke Partnerinnen haben, denen sie vertrauen können.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Ist den Männern eine feministische Einstellung zumutbar? Welche Vorurteile entwickeln Männer gegenüber „Feministinnen“ und „Emanzen“?

 

Trude Piontek: Wenn wir Chancengleichheit und Gleichberechtigung weiterentwickeln wollen, werden wir uns auch in Zukunft dafür engagieren müssen. Wir können nicht darauf Rücksicht nehmen, ob den Männern diese Einstellung „zumutbar“ ist. Die Frauen haben die Emanzipation, darunter die Verwirklichung des Frauenwahlrechts und die Änderung des Familienrechts selbst erkämpft – auch mit Hilfe fortschrittlich denkender Männer.

 

Iris Kästel: Als „Emanze“ oder „Feministin“ bezeichnet zu werden ist immer noch eine wirkungsvolle Waffe der Männer, damit Frauen einknicken, wenn sie beispielsweise bei Arbeitsbesprechungen eine geschlechtergerechte Sprache einfordern. Oft endet in solchen Situationen auch die Frauensolidarität, weil jene Frauen, die sich auf die Seite der Männer schlagen, als „vernünftige Frauen“ gewürdigt werden.

Frauen sagen oft: „Ich bin für Gleichberechtigung, aber eine Emanze bin ich nicht!“ Ich frage mich dann immer: Was ist so schlimm daran, eine Emanze zu sein? Emanzen oder Feministinnen sind eben nicht so, wie sich Machomänner „ihre Frauen“ vorstellen. Emanzen und Feministinnen wehren sich gegen Eingrenzung der Lebensmöglichkeiten, gegen die familieninterne Ausbeutung durch Zwei- oder Dreifachbelastung, gegen die gläserne Decke, die ihnen die Karriere blockiert, gegen sexistische und entwürdigende Witze, uvm.,

Aber es ist nicht so, dass sich Männer nicht verändern würden. Sie tun es, allerdings sehr vereinzelt und oft weniger nachhaltig, als wünschenswert wäre.

Denken wir nur an die „White Ribbon Kampagne“. Das „White Ribbon“, eine weiße Schleife ist das Erkennungszeichen der weltweit größten Bewegung von Männern, die sich die Eindämmung von männlichem Gewaltverhalten zum Ziel gesetzt hat. Eine weiße Schleife zu tragen bedeutet, niemals Gewalt an Frauen anzuwenden, zu dulden oder stillschweigend zur Kenntnis zu nehmen. Eine weiße Schleife zu tragen bedeutet, sich sichtbar von der Ausübung körperlicher Gewalt abzugrenzen, und aktiv andere Männer dahingehend zu beeinflussen, ihr Leben an Grundwerten wie Toleranz, Respekt, Partnerschaftlichkeit und Gewaltlosigkeit zu orientieren. Dafür, dass diese Kampagne in Österreich seit dem Jahr 2000 aktiv ist, sehen wir diese „Ribbons“ erschreckend selten.

Um die Idee des „White Ribbon“ zu streuen haben wir heuer im Rahmen des „Internationalen Frauentages“ die politische Vertretung der Gemeinde Ebensee mit diesen „Ribbons“ ausgestattet – vom Bürgermeister bis hin zur Verwaltung. Die Männer sind immer sehr aufgeschlossen, auch werden Diskussionen geführt, aber es fehlt einfach die Nachhaltigkeit. Auch unser Sozialminister Erwin Buchinger, der die Schleife offiziell im Februar dieses Jahres überreicht bekommen hat, trägt sie höchst selten am Revers.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Es gibt immer wieder Männer, die sich als „Feministen“ bezeichnen. Was ist davon zu halten?

 

Trude Piontek: Diese Männer sind herzlich willkommen, wenn sie es ehrlich meinen und sich nicht nur ein populistisches Mäntelchen umhängen. Ich persönlich bleibe solchen Ansagen gegenüber vorsichtig.

 

Iris Kästel: Es geht beim Feminismus um die Veränderung der Gesellschaft. Es geht um die Bildung einer gerechten Gesellschaft, in der Frauen wie Männer ihre Lebenskonzepte ohne strukturelle Diskriminierungen leben können. Eine Welt, in der niemand aufgrund des Geschlechts benachteiligt wird, ist für alle eine bessere Welt. Männer, die sich als Feministen bezeichnen und glaubwürdig sein wollen, müssen auch ein anderes Männerbild (vor-)leben, und zwar konsequent und nachhaltig. Dann sind sie für mich willkommene Mitstreiter.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Wie entsteht das Programm des „Frauenforums Salzkammergut“?

 

Iris Kästel: Unser Programm ist lebendig und ergänzungsfähig. Wir versuchen, stets auf die vielfältigen Anliegen und Interessen der Mädchen und Frauen einzugehen. Dabei ist uns wichtig, dass der feministische Aspekt nie verloren geht! So haben wir beispielsweise auf den Wunsch nach einem „Frauenstammtisch“ mit unserer „SPINNSTUBE“ geantwortet. Jeden Monat widmen wir uns einem kontroversen, frauenpolitischen Thema, bei dem aber immer Platz für Klatsch und Tratsch bleibt.

Mein Hauptanliegen als Geschäftsführerin ist, dass unser Angebot für die Frauen attraktiv bleibt. In den Medien wird gerne der Eindruck bereits erreichter Gleichberechtigung von Mann und Frau transportiert. Aber in uns finden die Frauen eine Partnerin, die sagt: „Nein! Gleichberechtigung ist noch lange keine gesellschaftliche Realität! Wir Frauen lassen uns die strukturellen Benachteiligungen nicht perfide als individuelles Problem aufbürden!“ Das „Frauenforum Salzkammergut“ wird immer kompetent und professionell Partei ergreifen und für die Anliegen der Frauen und Mädchen auftreten.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Die „Weiberroas“ ist ein traditioneller Begriff für die Begegnung von Frauen untereinander. Wie setzt Ihr diese Tradition heute fort?

 

Iris Kästel: Die „Weiberroas“ hat die Lebendigkeit einer rein weiblichen Gemeinschaft zum Ziel. Weiblichkeit soll als wesentliche Quelle persönlicher Stärke, geistiger Originalität und sozialen Eingebundenseins erfahren werden. Auch wir lassen bei der „Weiberroas“, einer zweitägigen Reise, einen herrschaftsfreien Frauenraum entstehen. Wir schaffen jene Freiheit, die es ermöglicht aus der großen Schublade „Frauen“ herauszuklettern, um sich gegenseitig im jeweiligen Anderssein erleben zu können. Diese ganz eigene Freiheit verdeutlicht die große Unterschiedlichkeit der Frauen und kann zur Basis von Solidarität, von gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung werden.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Eines der aktuellen Projekte nennt sich „drehungen“. Was ist das genau?

 

Iris Kästel: Unter „drehungen“ versteht man eine feministische Selbstverteidigungstechnik, die Ende der siebziger Jahre von Frauen für Mädchen und Frauen entwickelt worden ist. Diese „drehungen“ nützen die physiologisch-anatomischen Vorteile des weiblichen Körpers und fußen auf effizienten Hebeltechniken. Wissen wir doch schließlich seit Archimedes, dass auch Mädchen mit Hilfe eines festen Punktes die Welt aus den Angeln heben könnten.

Im Kurs „drehungen“ werden auch die sozialisationsbedingten Defizite der Mädchen und Frauen angesprochen. Die meisten Frauen schlucken ihre Aggressionen und haben nie gelernt, die große eigene Kraft, die sie tagtäglich beweisen, wenn sie die schwersten Einkaufstaschen mitsamt Kindern in den dritten Stock eines Hauses tragen, auch gegen einen anderen Menschen einzusetzen. Leider lernen auch die wenigsten Frauen Grenzen zu setzen. Auch das ist - gerade im präventiven Sinne - von größter Bedeutung. So wird neben Verweigerungs- und Schutzstrategien auch großer Wert auf Abgrenzungsstrategien gelegt. Die Aussage: „STOP, bis hierhin und nicht weiter!“, können wir nicht nur mit der Stimme, sondern auch mit unserer Körpersprache deutlich transportieren.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Man kennte heute die Begriffe „Mädchenarbeit“ und „Burschenarbeit“. Wo liegen die unterschiedlichen Ansätze?

 

Iris Kästel: Kinder merken sehr schnell, was in der Gesellschaft von ihnen als Mädchen oder Bursche erwartet wird und sie handeln danach. Wir alle sehnen uns schließlich nach Anerkennung und Bestätigung, nach dem Dazugehören. Auch wenn wissenschaftlich schon längst nachgewiesen ist, dass es keine angeborenen weiblichen oder männlichen Verhaltensweisen gibt, so leben wir dennoch verhaltensstarr in dieser Vorstellung. Es sind aber nicht die Gene, die uns zu Mädchen und Burschen machen, sondern die Vorbilder. Das, was wir vorleben ist entscheidend, das wozu wir die Kinder ermutigen, ist bestimmend. Bieten wir unseren Kindern wirklich jene Entfaltungsmöglichkeiten, die sie ganz individuell brauchen? Ermutigen wir sie ihren Neigungen zu folgen, egal, welchen Geschlechts sie sind?

Mädchen wie Burschen brauchen Hilfe, um den Rollenklischees zu entkommen und deswegen ist Mädchen- wie Burschenarbeit wichtig.

Mädchen werden auch heute noch in ihrem Verhalten ganz anders verstärkt als Burschen. Sie werden frühzeitig zu sozialem Denken angehalten und ihnen wird mitgeteilt, dass die Welt gefährlich ist und sie besser „in der Nähe“ bleiben. Sie werden zu feinmotorischen Aktionen aufgefordert, mit ihnen wird eher verbal als haptisch umgegangen und sie werden ermutigt, auf engem Raum zu spielen, denken wir nur ans Gummiseilhüpfen.

Parteiliche Mädchenarbeit orientiert sich an den Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen der Mädchen. Auch wenn diese widersprüchlich und aus feministischer Sicht oft haarsträubend sind, wird versucht, die Defizite der geschlechtsspezifischen Sozialisation aufzufangen. Die Mädchen, die sich an klischeehaften und traditionellen Frauenbildern und Schönheitsidealen orientieren, werden dabei unterstützt, stereotype Rollenmuster aufzubrechen und neue Verhaltensmuster zu lernen. Sie haben die Möglichkeit, dies in reinen Mädchengruppen, also in einem herrschaftsfreien Raum zu tun, ohne jeglichen Anpassungsdruck, ohne männliche Präsenz, die die Mädchen leider allzu oft zu Konkurrentinnen macht und das Verhalten der Mädchen untereinander um 180 Grad ändert.

Damit aber die Veränderung der Rollenbilder nachhaltig geschehen kann, muss es neben der parteilichen Mädchenarbeit auch eine antipatriarchale und antisexistische Burschenarbeit geben, denn die Burschen sind in ihrer Rolle als Mann mehr als verunsichert. Burschen nehmen sich oft Helden als Vorbilder, die nur Stärken und keine Schwächen haben, die sich problem- und mühelos durchs Leben kämpfen. Diese Helden sind für sie „richtige Männer“. Mit den Burschen wird zu selten über Ängste und Schwächen gesprochen, als dass diese für sie zum Leben gehören und gefühlt werden dürfen. Auch Gewalt ist ein großes Thema für Burschen. Lieber schlagen sie zu, als „unmännlich“ zu wirken. Die Burschenarbeit setzt deswegen beim männlichen Rollenbild an. Der neue Mann denkt partnerschaftlich, handelt gewaltlos, begegnet den Mitmenschen mit Respekt und Toleranz. Er erfährt Familienarbeit als zum Leben von Mann und Frau gehörende Erweiterung des Horizonts. Den Burschen fehlen aber in der Regel die Männer, die ihnen ein solches neues Männerbild vorleben.

 

Elisabeth Vera Rathenböck: Im Rahmen des KUPF-Innovationstopfes konnte das Projekt „Wo sind die Frauen?“ realisiert werden. Was habt Ihr da genau gemacht?

 

Iris Kästel: Die Gemeinde Ebensee feiert heuer das runde Jubiläum „400 Jahre Ebensee“. Dass dieses Jubiläum nicht in aller HERRlichkeit gefeiert werden sollte, war uns Frauen vom „Frauenforum Salzkammergut“ sofort klar. Daher haben wir ein großes feministisches Ergänzungsprogramm zusammengestellt, das Frauen in diesen 400 Jahren sichtbar macht.

Begonnen hat unser Programm mit einem Vortrag zur HERStory in Ebensee. Die Historikerin Brigitte Rath hat dafür in kürzester Zeit viele Informationen und Dokumente über die Geschichte der Frauen in der Region aufgearbeitet. Ihr Vortrag ist auch Teil unserer ebenfalls im Rahmen des Jubiläums veröffentlichten Publikation „Frauen – Geschichte – Ebensee“. In dieser „Frauen-Festschrift“ werden 13 Frauen porträtiert, die die Geschichte Ebensees auf die eine oder andere Weise mitgeschrieben haben.

Die Publikation vereint unterschiedlichste Frauen. Ich nenne einige Beispiele: Die Königin Elisabeth von Görz-Tirol, die als Begründerin des modernen Salzwesens im Salzkammergut gilt, wird porträtiert. Von Elisabeth Neuhueberin, die wie viele Menschen aus Ebensee während des 18. Jh. emigrierte, wird ebenso erzählt wie von der Ebenseer Widerstandskämpferin Resi Pesendorfer. Die Porträts sind beispielhaft und gewissermaßen als Zeitreise gedacht. Die Broschüre soll aber auch auf eine weibliche Geschichtsschreibung neugierig machen und sie ist vielleicht erst der Anfang eines langen Prozesses.

Es gab auch eine Aktion, die zum Highlight mit überregionaler Wirkung wurde. Wir platzierten für einen Monat ein 17 Meter mal 7 Meter großes Transparent mit 400 Frauenporträts. Es hing ganz zentral an der Fassade des Rathauses der Gemeinde Ebensee. In drei Shootings haben sich über 170 Frauen von professionellen Fotografinnen ablichten lassen, andere haben uns Fotos von sich oder ihren Ahninnen zur Verfügung gestellt. Die Resonanz war ganz einmalig. Gratulationsschreiben aus ganz Österreich sind bei uns eingegangen!

Am Freitag, den 9. November werden wir das Projekt „frauensichtbarmachen“ mit einem Kulturabend abschließen, bei dem wir musikalisch und szenisch auf Frauenspuren durch die letzten 400 Jahre reisen.

Die Publikation „Frauen – Geschichte – Ebensee“, 60 Seiten, ist kostenlos über das „Frauenforum Salzkammergut“ zu beziehen.


Interview_Landeskulturbericht_Ooe_Nov.pdf

 
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