Im Rahmen der Ausschreibung kupf-Innovationstopf 2009 wurde das Projekt des Frauenforums Salzkammergut (FFS) zur Gründung einer ersten Frauen-Glöcklerpasse in Ebensee ausgezeichnet. Das Preisgeld stellt die Landeskulturdirektion OÖ zur Verfügung, die organisatorische Abwicklung liegt bei der Kulturplattform OÖ (kupf).

48 Projekte wurden bis zum Stichtag, dem 9. Februar 2009, eingereicht. 11 Projekte wurden am 27. März im Rahmen einer öffentlichen Jurysitzung in Linz prämiert. Die Jury des Wettbewerbs zeigte sich von der Glöcklerpasse des FFS begeistert: „Super Projekt,  total passend zur Intention des Innovationstopfes; Brauchtum wird ernst genommen und trotzdem verändert.“

 

Chronik der Ereignisse

6. Jänner 2009: Ideenwerkstatt für Wettbewerbsbeitrag

6. Februar 2009: Einreichung des Projektes Erste Frauen-Glöcklerpasse in Ebensee

27. März 2009: Prämierung

10. August 2009: Eröffnung der Glöcklerinnen-Werkstatt

30. Dezember 2009: Letzte Arbeiten; Fertigstellung von neun Kappen

5. Jänner 2010: Premieren-Lauf der „Ebenseer Glöcklerinnen“

 

Die Kappen wurden von den beiden Künstlerinnen Helene Benedikt und Eva-Maria Ranzenbacher entworfen. Die Kappenentwürfe von Benedikt illustrieren Ebenseer Frauengeschichte, die Entwürfe von Ranzenbacher zeigen mythologisch-sagenhafte Frauengestalten aus der Region.

Mehr als 35 Frauen haben in etwa 2000 Stunden die Kappen gefertigt. Die Holzgerüste der neun Kappen wurden vom „Glöckler-Urgestein“ Franz Neuhuber (Jg. 1928) gebaut. Die großen (Frauengeschichte) Kappen - Länge 2,5m, Höhe 1,40 m - wiegen ca. 9,5 kg, die kleinen (Sagen&Mythen) Kappen - Länge 2 m, Höhe 1,10 m - ca. 7,7 kg.


Infoblatt_Ebenseer_Gloecklerinnen_050110.pdf   1.6 M



Das Ebenseer LiedI da Låmbå“

1913 veröffentlichte die Salzkammergutzeitung ein Gedicht des damaligen Pfarrers Alois Lettner über „d´Låmbå“. Von dem Gedicht war die Ebenseer Oberlehrerin Maria Carolina Greil (1881 – n. 1971) derart begeistert, dass sie eine Melodie dazu komponierte. Die Kappe zeigt Motive der vier Strophen der Ebenseer „Hymne“ sowie die Notenschrift des Refrains.

Entwurf: Helene Benedikt




Perchta, die Anführerin der „wilden Jagd“

Zu ihr gehören der magische Spiegel und der Wagen, mit dem sie den Erdball umrundet. Hunde sind ihre Tiere, weiße Speisen ihre Lieblingsnahrung. Ihre Zeit ist die Zeit der Rauhnächte. In dieser Zeit darf nicht geputzt, gesponnen und gewaschen werden, denn sie ist auch die Schutzgöttin der Frauen und sorgt dafür, dass sie nicht zu viel arbeiten.

Zu ihr kommen Frauen, um sich Kraft zu holen.

Entwurf: Eva-Maria Ranzenbacher




Weberinnen

In Ebensee existierte ab 1906 bis 1992 eine Spinnerei und Weberei, die in ihrer Blütezeit bis zu 600 Arbeitsplätze bot, großteils Frauenarbeitsplätze. Die Kappe zeigt Weberinnen bei der heimischen Arbeit.

Entwurf: Helene Benedikt




Die Schlafende Griechin

Gegenüber von Traunkirchen, umrahmt von den Gasselkögeln und dem Spitzelstein, liegt die Schlafende Griechin, von der die Volkssage erzählt:

„In dunkler Vorzeit rief der greise König Dachstein die Berge seines Reiches zu sich. Den Traunstein aber verbannte der König (…) und ließ ihn einsam am Rande seines Riesenreiches stehen. In einer hellen Sternennacht kam ein Weib aus der Felsenregion und biederte sich dem Traunstein an. Da verfluchte der König Dachstein das Weib und verbannte es als leblosen Felsen für alle Zeiten an die Seite des Traunseegiganten. So liegt seit dieser Urzeit die Schlafende Griechin am Südufer des Sees.“ (vgl. Sabine Hitzenberger: Sagen & Märchen vom Traunsee, Seewalchen 1989, S. 41)

Entwurf: Eva-Maria Ranzenbacher




Ebenseer Kreuzstich

Am 4. November 1897 gründeten Marie Spanitz (1848 – 1925) und Selma Müller (1865 – 1933) die Erwerbsschule in Ebensee und entwickelten den Lehrgang der Kreuzstichkunst.

Die Schülerinnen wurden zu Heimarbeiterinnen für die Kreuzstichstickerei ausgebildet. Sie erlernten den Ebenseer Kreuzstich, eine garnsparende Technik, deren Ziel es ist eine gleichmäßige und ordentliche Rückseite zu erhalten, auf der alle Stiche senkrecht und über ein Kästchen verlaufen. Die Heimarbeiterinnen bestickten vor allem Decken und Polster und erhielten ihren Lohn von der Schule, der sie ihre Arbeiten verkauften.  

Entwurf: Helene Benedikt




Die gute Frau Koch / Katzenwoferl Sage

Das Leutgebhaus zu Ebensee war damals Rast für die Reisenden, die von und nach Gmunden über den See fuhren. Die wohlhabende Wirtin, die „gute Frau Koch“, sorgte wie eine Mutter für ihre Dienstboten und ließ den Armen ihr Häferl Suppe und manch gutes Bröckerl Fleisch zukommen. Auch der so genannte Katzenwoferl, der an einem Anger im Wald nahe der Kohlstatt in einer Klause hauste, durfte sich hier sein Essen holen. Als die Wirtin schwer erkrankte, betete der Katzenwoferl für ihre Gesundheit und sie erholte sich wieder. (vgl. Sabine Hitzenberger: Sagen & Märchen vom Traunsee, Seewalchen 1989, S. 53)

Entwurf: Eva-Maria Ranzenbacher




Graserweibl

Salinenarbeiterwitwen und andere bedürftige Frauen bekamen in Ebensee von der Saline das Recht, nicht bewirtschaftete Salinengründe als Weidegrund für ihre Ziegen zu nutzen. Zu diesen Gründen zählten auch die steilen Wiesen des Kalvarienbergs. Die Frauen, die dieses Recht bekamen, wurden Graserweibl genannt.          

Entwurf: Helene Benedikt




Rindbachweibeln

Wenn über dem Rindbachfall Nebel hängen, so sagen die Leute: Heute waschen die Bergweibl ihre Wäsche und hängen sie an den Bäumen auf. „Einer Frau bei Ebensee warf ein Bergweibl Laub in die Schürze. Die Frau achtete das Geschenk nicht und warf es über die Felsen hinunter. Da klirrte und klimperte es wie von lauter Talern. Die Frau sprang einem Blatte nach, es war echtes Gold.“ (vgl. Sabine Hitzenberger: Sagen & Märchen vom Traunsee, Seewalchen 1989, S. 47)

Entwurf: Eva-Maria Ranzenbacher




Das Pfannhausrad und die Frauen

„Schweiß tropft, Salz zu Salz. Es kocht und glüht, es hallt und zieht, und was ist gar das? Pochen und Gehen mit den Hülzen ohne Unterlaß. Im Rad gehen sie, in der Innentrommel, die unter ihnen durchdreht und außen befestigte Kübel für Kübel in die Mutterlauge taucht, aufhebt und in die Pfann' gießt …. Die ersten Ebenseerinnen gehen da im Schöpfrad, (…). »He, Luitpold, der Wind hat sich dreht, sechse ist's!«-  »Schicht habt's!« ruft der Meister. Pause in Hitz' und Schwitz'. Sie werfen noch einen Seitenblick auf die im Rad gehenden Frauen und gehen ein Bier trinken.“ (aus: Bergmann im Salz, von Dipl.-Ing. Dr. Winfried Aubell - studierter Bergbauer, Salinenzeichner und ehemaliger Salinenvorstand - Verlag Welsermühl, Wels 1981, S. 174-175.) 

Entwurf: Helene Benedikt


Unwahrheiten, Unterstellungen und Gerüchte ... lesen Sie hier unsere Klarstellung:



  1. Zur Kritik bezüglich des Geldes, das das FFS für die Finanzierung der Passe erhalten hat: Das FFS versucht seit Monaten der Öffentlichkeit klarzumachen, dass es sich bei den € 10.811,- um ein „Preisgeld“ für ein Projekt handelt, das im Rahmen der Ausschreibung des kupf-Innovationstopfes 2009 eingereicht und ausgezeichnet wurde. Thema der Ausschreibung war „Abseits“; der Glöcklerlauf in Ebensee war für uns ein Paradebeispiel dafür, wo und wie Frauen im Abseits stehen, denn als einer der wichtigsten Bräuche in Ebensee, haben Frauen dort schon immer mitgewirkt (hinter den Kulissen, aber auch als Läuferinnen), ihre Mitarbeit wurde allerdings im Rahmen des Mythos eines „reinen Männerbrauches“ unsichtbar gemacht. Mit der Gründung der Frauen-Passe haben wir die Frauen aus dem Abseits geholt und sichtbar werden lassen!
    Übrigens hat uns kein Salzburger Fernsehteam einen Geldbetrag zukommen lassen. Wir fragen uns ernsthaft, wer ein Interesse daran hat, solche Lügen zu verbreiten.
  2. Im Rahmen der Bewerbung formulierten wir im Vorfeld in der Kurzbeschreibung(!) unserer Einreichung, die - wie das Wort schon sagt - kurz und prägnant formuliert sein muss, dass uns klar sei, dass das Projekt einige EbenseerInnen „ins Brauchtumsmark treffen werde“. Aus dieser Aussage herauszulesen, dass wir „nur provozieren wollten“ ist falsch. Unsere Motivation war und ist es, Frauen, die dies möchten, die Teilnahme am Glöcklerlauf zu ermöglichen und zwar als sichtbarer Teil dieser wunderschönen Tradition, denn gelebtes Brauchtum unterstreicht die Verbundenheit aller EbenseerInnen mit ihrer Geschichte und Kultur.
    Dass dieses Sichtbarwerden in der „vermeintlichen Männerbastion“ zu Aufregungen führt, konnten wir uns im Vorfeld an fünf Fingern abzählen, aber - und hier sollten alle, die uns als Provokateurinnen sehen wollen, genau lesen - wir haben das Projekt nicht wegen dieses zu erwartenden Tumultes, sondern trotz desselben gemacht. Unsere Läuferinnen sind keine Provokateurinnen, sondern mutige Frauen, die sich trotz heftigster und menschenverachtender Äußerungen nicht von ihrem Weg haben abbringen lassen.
  3. Immer wieder wurde uns unterstellt, wir hätten die Kappen von anderen fertigen lassen. Das ist falsch! Richtig ist, dass unsere Passe seit August 2009 in den Räumen des FFS ca. 2000 Stunden mit der Arbeit an den Kappen beschäftigt war. Auf diese Weise ist eine wunderbare Gemeinschaft entstanden, die uns viel Kraft gegeben hat.
  4. Uns wird vorgeworfen, uns mit der Teilnahme in den Vordergrund drängen zu wollen. Nehmen Frauen also öffentlichen Raum für sich in Anspruch, wird dies sofort als eitle Selbstdarstellung gedeutet. Frauen sollen im Verborgenen arbeiten und sich still und leise in Bescheidenheit und Zurückhaltung üben.  
    Was das Medieninteresse betrifft, liegt eine Verkehrung des Verursacherprinzips vor, denn dieses ist nicht aufgrund unserer Teilnahme entstanden, sondern aufgrund der Reaktionen anderer Glöcklerpassen auf unser Mitmachen.
  5. Es geht um Macht und darum, dass Männer meinen auch heute noch bestimmen zu können, was Frauen dürfen. Hat in den letzten 150 Jahren jemals eine neue Passe in Ebensee bei den anderen um Erlaubnis fragen müssen, ob sie am Glöcklerlauf teilnehmen darf? Hat sich jemals eine Passe in Ebensee dafür rechtfertigen müssen 'wo sie das Geld her habe Kappen zu bauen'? Ist es nicht ein Anrecht aller Ebenseerinnen und Ebenseer diesen Brauch mit Leben zu füllen und mit Freude zu zelebrieren? Wo ist also die Provokation? Dass unsere Kappen in Stil und Art den anderen gleichwertig gefertigt wurden? Dass unserer Passe weiß gekleidet war und die Läuferinnen Glocken trugen? Es gibt nur eine Erklärung: hier geht es nicht um den Brauch, es geht um Macht, darum, wer „das Sagen“ hat, wer bestimmen und ausgrenzen darf und jetzt sind wir mittendrin in der eigentlichen Debatte. Der Korridor erlaubten Verhaltens für Frauen ist enger gesteckt als für Männer und wagen sich Frauen darüber hinaus, so muss ihr „provozierendes Verhalten“ in massiver und frauenverachtender Weise in Schranken gewiesen werden.
  6. Apropos Frauenverachtung, diese hat sich sehr deutlich gezeigt, nicht zuletzt in den von vor sexualpathologisch gefärbtem Frauenhass sprühenden Postings im Internet. Auch die Zurufe aus dem Publikum beim Lauf selbst (wie: Geht’s ham kochen) und das Lächerlichmachen der Frauen (Die können die schweren  Kappen sowieso nicht tragen) zeigen die frauenfeindliche Dimension. Und bevor noch das Geldargument hervorgezaubert wurde – was auch viel mit dem Machtdiskurs zu tun hat - , hatten die ersten massiven Angriffe im Frühjahr 2009 nur die unerwünschte Frauenbeteiligung zum Thema.
  7. Zum Vorwurf, das Frauenforum solle sich eher um Kinderbetreuung kümmern:  Erstens wird mit diesem Argument eine Scheinalternative aufgebaut und so getan, als ob Menschen sich nicht gleichzeitig mit mehreren Dingen beschäftigen könnten und auch andere Passen müssen sich nicht fragen lassen, ob es für sie nicht sinnvollere Betätigungsfelder gebe. Zweitens zeugt dieser Vorwurf von großem Unwissen, denn das Frauenforum hat vor mehr als zehn Jahren als erste Organisation in Ebensee einen Hort eingerichtet und  bis zur Errichtung der Krabbelstube eine Kleinkindbetreuung organisiert. Darüber hinaus bieten wir neben diesen familienorientierten Projekten seit mehr als 13 Jahren ein vielfältiges Jahresprogramm (Vorträge, Tagungen, Kultur- und Gesundheitsangebote etc.), nutzen Aktionstage wie den Int. Frauentag, den Equal Pay Day oder den Int. Tag gegen Gewalt an Frauen, um auf die Rechte von Frauen hinzuweisen, produzieren seit 2007 im Freien Radio Salzkammergut zwei Radiosendungen im Monat und sind Frauenanlaufstelle (Beratung, Information, Auskunft).

 

An dieser Stelle möchten wir uns bei den zahlreichen UnterstützerInnen bedanken, die uns vor, während und nach dem Glöcklerlauf viel Kraft gegeben haben!

 

Vorstand und Team des Frauenforum Salzkammergut


 
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